Hängematte  ©Tim Svenson

Tot gestellt und vollgesabbert: Ein Ehrenkodex für Hundehalter

Vor zwei Jahren bin ich zurück in meine Heimatstadt an die Elbe gezogen. Mit Hundedame vom Land im Gepäck. Deetje ist ein großartiges kleines Wesen, das mir und meiner Familie unendlich stark ans Herz gewachsen ist. Auf Hamburger Spaziergänge mit Hafenblick, und auch durch den herrlichen Jenischpark hindurch, haben wir uns echt gefreut! Ein paar Mal versuchten wir es, dann gaben wir schließlich auf. Denn unsere kleine Hundedame möchte ihre Ruhe haben. Bis auf wenige Ausnahmen (lose Hundebekanntschaften), lässt Deetje keinen anderen Vierbeiner an sich heran. Das ist Teil ihrer Persönlichkeit und ist ihr gutes Recht. Die besten Hundetrainerinnen sind daran gescheitert, Deetje zu einem geselligen Mädchen machen zu wollen. Jetzt ist Schluss. Mir wird’s allmählich auch zu teuer. Ich verstehe den Hund, denn wer möchte schon, dass ihr oder ihm irgendwer ungefragt auf die Pelle rückt? Ich jedenfalls nicht. Ob Hund, Katz‘ oder Mensch. Vielleicht nicht 99 Prozent, aber dennoch eine beträchtliche Anzahl anderer Hundehalter, sieht das Ding mit der Nähe allerdings nicht so eng.

Da rasen Jimmy und Tyra mit fliegenden Zungen kreuz und quer durch die Gegend. Far away from Herrchen und Frauchen. Sie crashen, rempeln, schnüffeln, sabbern, kacken. Irgendwie süß manchmal, ja (nicht das Kacken). Aber irgendwie oft auch ziemlich verboten, hin und wieder bedrohlich oder zumindest unangenehm für Andere.

Hundedame Deetje guckt inzwischen lieber fernsehen und bevorzugt den ganz kurzen Gassigang. Von ihren Hamburger Artgenossen hat sie gestrichen die Schnauze voll. Ebenso geht es mir mit einem Teil der dazugehörigen Halter. Nicht nur meine Erfahrung ist es, dass Hundehalter selbst auf vorsichtiges Bitten hin (ihr Tier zurückzurufen), oft gespielt belustigt oder wütend reagieren, oder aber in naiven Erklärungsversuchen die Harmlosigkeit ihres Hundes klarzustellen versuchen. Und auch ich habe allein in diesem Jahr schon ein Dutzend  Hundebegegnungen erlebt, in denen es mir eiskalt den Rücken runter lief. Wie im Januar im Schröders Park, als mir ein Rottweiler entgegen galoppiert kam und mich aus heiserer Kehle anbellte. Das reitbestiefelte Frauchen kam 20 Meter hinter ihrem Schützling den Hang hinuntergeschlendert und telefonierte. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Das Frauchen guckte mich im Vorübergehen nicht einmal an und flötete mit arroganter Attitüde in ihr Telefon(!), dass ich wohl nicht wüsste, dass man bei jungen Rüden nicht einfach stehen bleiben sollte. Stehenbleiben? Sorry, ich habe mich tot gestellt! Das ist ein ganz natürlicher Reflex in enormen Stresssituationen. Ich bin eine meist ausgeglichen-urteilende und gutmütige Person. Aber verdenkt es mir irgendwer, dass ich der Frau in diesem Moment zehn Jahre Knast bei trockenem Brot und anschließend die Pest an den Hals gewünscht habe?

Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen, warum sich manche Hundehalter derart egozentrisch benehmen. Nutzen sie den Hund, um persönliche Entwicklungsdefizite zu kompensieren? Bedeutet der Hund eine eine Art Erweiterung der eigenen Schutzzone oder finden sie es einfach geil, andere in Angst und Schrecken zu versetzen? Dann täte es doch auch das Tragen einer Horrorclown-Maske oder das Herumfuchteln mit einem gut gemachten Spielzeugrevolver.

Natürlich sehe auch ich den Reiz eines gewissen Wildlife-Aspektes. Ja, es ist ganz toll, sich eins zu fühlen mit der Natur und dem Tier. Ich weiß schon. Aber die Straßen, Parks und Strände Hamburgs sind nun einmal nicht die unbewohnten Weiten Neuseelands. Punkt.

Bevor meine eigene kleine Hundedame aus der Haustür auf den Gehweg springt, lege ich ihr das Geschirr samt Leine an. Um Fußgänger nicht zu erschrecken und um Kinder, andere Hunde und Autofahrer zu schützen. Punkt. Wenn Deetje einen ihr sympathischen Passanten beschnüffeln möchte, frage ich beim Passanten nach, ob es okay ist. Weil alles andere anmaßend wäre. Punkt. Und von ihren Hinterlassenschaften bleibt nicht ein Bisschen im Straßenbegleitgrün liegen. Um andere Pfoten, neugierige Kinderhände und Nachbars Schuhsohlen zu schützen. Punkt. Selbst Häufchen unbekannter Herkunft schnipse ich hin und wieder mit einem eilig gegriffenen Stöckchen vom Gehweg ins Gebüsch, sofern die Konsistenz es erlaubt und ich den Brechreiz weitgehend unterdrücken kann. Aber dafür habe ich vielleicht irgendjemandem den Tag gerettet, der nun nicht mit einem Exkrementefladen unterm Schuh im Büro sitzen muss. Ist gut fürs Karma.

Was der kleine Eigenlobgesang bedeuten soll: Leute, verantwortungsvolles Handeln kann man lernen! Wenn es schon von Natur aus nicht gegeben ist. Genau so, wie Eure Vierbeiner das Bei-Fuß-Laufen und das Aufs-Wort-Hören lernen können. Und wenn das doch nicht funktionieren sollte, dann führt Eure Tiere außerhalb von ausgewiesenen Freilaufzonen bitte an der Leine und habt Achtung vor den berechtigten Wünschen und Bedürfnissen Anderer! Ihr steht nicht über den allgemein gültigen Regeln von Höflichkeit und Rücksichtnahme, weil Euch da draußen ein Tier begleitet. Ganz im Gegenteil: Eure Verantwortung ist höher noch, als die der Hundelosen.

Vielleicht sollte es einen offiziellen Ehrenkodex für verantwortungsvolle Hundehalter geben. Einen, in dem die eben aufgezählten Punkte verinnerlicht, gelebt, gefordert und gefördert werden. Das wäre fulminant!

Ansonsten wird es vermutlich nicht ohne weitere Reglementierungen, eindeutige Verbote und verstärkte Kontrollen funktionieren. Ich befürchte, anders kann man einem Teil unserer Mitmenschen die Themen Respekt und Rücksichtnahme nicht vermitteln. Wir alle wissen, dass dieses für jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens gilt. Und somit natürlich auch für uns und unsere Hunde.

 

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*alle Namen geändert 😉