Zarah_All Stars_Retro ©Tim Svenson

Pflegeroboter auf dem Lerchenberg. Oder: Warum ich über Zarah Wolfs Rauswurf echt sauer bin

Liebes ZDF,

wenn die Ausstrahlung einer bereits abgedrehten Fernsehserie einfach abgebrochen wurde, fand ich das schon immer rätselhaft. Hat ja schließlich Geld gekostet. Noch rätselhafter wird es, wenn die Serie im (Gott sein Dank) werbefreien Abendprogramm eines öffentlich-rechtlichen Senders läuft. Denn dort sollte der Quotendruck doch eine weniger große Rolle spielen. Aber das wissen Sie da oben auf dem Lerchenberg sicherlich besser als ich. Nun hat es jedenfalls „ZARAH – WILDE JAHRE“ erwischt. Die kluge, kleine Serie wird nach nur zwei linear ausgestrahlten Folgen in die späte Nacht verbannt. Die Episoden drei bis fünf haben Sie hastig in die Mediathek geworfen. Wie Grabbeltisch-Krempel, der schnell weg muss. Was soll das?

Gab es wegen der Serie einige tausend Protestanrufe in Mainz? Hat sich Alexander Gauland über die Frauenküsse erbost? Gefielen den Zuschauern die Tapeten in Mutter Wolfs Wohnung nicht? Oder hat die Quotenmessung ergeben, dass weniger Menschen eingeschaltet haben, als früher beim Testbild? Ich glaube kaum. Es gab im Vorfeld eine Handvoll negativer Kritiken in einigen Print- und Online-Medien. Teilweise berechtigt, was die erste Folge betrifft. Aber muss denn ständig alles einen Senkrechtstart hinlegen? Was viele Meinungsschreiber außer Acht ließen ist, dass ZARAH von Folge zu Folge besser, eindrücklicher und bewegender wird. Was ist denn das für eine Mentalität, wenn man jeder neuen Arbeit von Filmemachern, Kreativschaffenden und Künstlerinnen sofort Rekorde und Sensationen abverlangt? Wie wäre es mal mit ein bisschen Geduld?

Das sollten sich auch die Zuschauer und Konsumenten im Allgemeinen fragen. Heute hat in der breiten Masse kein medialer oder kultureller Beitrag mehr eine Chance, der nicht augenblicklich hellste Aufregung auslöst oder schenkelklopfendes Lachen, bis es weh tut. Der Ton auf den Straßen ist hysterisch, die Männer grölen, die Frauen kreischen. Und umgekehrt. Ganz normale Unterhaltungen hören sich inzwischen wie überdrehte Shopping-Kanal-Moderationen an. Ob im Bus oder am Strand: „Hast du schon gehört? Weißt du überhaupt? Das ist ja alles total once-in-a-lifetime! Schrei!“ Ganz zu schweigen von den Timelines in den Sozialen Netzwerken, in die bei Vielen nur noch übernervöses Gebrabbel gespült wird. Inklusive Hass, Lügen und dunkler Propaganda.

Ich frage mich, ob die Generation, die mit diesem Lärm groß wird, jemals ein Gefühl für ihre innere Stimme, für Wahrhaftigkeit, feinen Humor und Zwischentöne entwickeln kann? Jeder von uns sollte sich ein bisschen dafür einsetzen, dass der Pegel wieder runter gefahren wird. Sonst sind die Seniorenheime in sechzig Jahren voll mit Psychopathen. Aber gut. Das ist dann vermutlich das Problem der Pflegeroboter. Die können was ab.

Zurück zu ZARAH: Ich finde es unverschämt vom ZDF, der Serie so früh den Primetime-Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und respektlos erstens den einhundert Mitwirkenden gegenüber, die ihr ganzes Herzblut in diese Produktion gesteckt haben. Und zweitens, jenen Zuschauern gegenüber, die sich gern mal im ungestörten Wochentakt auf die Serie eingelassen hätten.

Ich schlage nochmal einen Bogen, das kann ich gut: Fernsehen habe ich immer gern geschaut. Als Kind hatte ich keine Freunde und habe viele Nachmittage allein mit den allseits bekannten Serienklassikern der Achtziger verbracht. Das prägt. Heute hat das lineare Fernsehen für mich an Bedeutung verloren. Mein Gott heißt Netflix. Mit den deutschen Privatsendern habe ich schon vor viele Jahren gebrochen. Man könnte auch sagen: Wegen der Privatsender. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, dass noch der letzte Stümper vor Kameras gezerrt wurde, um in Scham auslösenden Billig-Formaten oder Fake-Soaps sehr schlechte Laiendarsteller zu imitieren. Alles wurde so banal, die Profession begann sich aufzulösen. Viele der kleinen bis größeren Rollen, die ich bislang spielen durfte, hätten vor 20 Jahren noch einen echten Wert gehabt. Ich habe hart gearbeitet, um dahin zu kommen. Inzwischen kann ich sie mir aber an den Hut stecken, die Arbeit. Und ich staune über mir bekannte Verwandte, welche zwar die Protagonisten aus Auswanderer-Dokus kennen, die sie für Stars halten, aber noch nie etwas von Marlene Dietrich oder Zahnbürsten gehört haben. Zeichen der Zeit. Scheiß drauf. Pardon.

Zurück zu ZARAH: Dem ZDF und der ARD bin ich bislang weitgehend treu geblieben. Und so wird es zunächst auch bleiben. Ich möchte mich diesbezüglich wirklich nicht in unnötigen Überspitzungen verlieren. Doch bitte gehen Sie nie wieder so luschig mit einer Serienperle wie ZARAH um, Sie da in Ihren Büros mit Blick auf den Fernsehgarten! Man muss es auch mal aushalten können, wenn das Publikum etwas ausgewählter applaudiert. Und Zuschauer im Stillen verzaubert sind. Auch zur Primetime. Auch im Land von Mario Barth und Vera Int-Veen. Was werden wir sonst in zehn Jahren im ZDF-Hauptprogramm sehen:

DER ALTE AUF LOVE ISLAND?

MAINZ TAG UND NACHT?

DIE WOLLNYS FRESSEN DAS TRAUMSCHIFF?

Oder JUNG, PLEITE, VERZWEIFELT: ENDSTATION KOMPARSENSTRICH?

 

In diesem Sinne, freundliche Grüße

Tim Svenson