Emojis small ©Tim Svenson

Fiese Visagen

Ich wünschte, es gäbe ein Spiel, bei dem man Emojis abknallen kann. So wie damals bei den Moorhühnern. Das würde selbst mir Spaß machen, der von derlei ordinären Zeitvertreiben bislang immer Abstand genommen hat. Lange Zeit versuchte ich meine Abneigung gegen Emojis unter den Teppich zu kehren. Manchmal rang ich mir sogar den eigenen Einsatz eines einfachen Lächelgesichtes ab, um in einer Textnachricht beispielsweise Zustimmung auszudrücken.

Selbst zum Versenden Tränen lachender Gesichter ließ ich mich hinreißen, obwohl ich den Kontext betreffend in der Regel maximal mit dem Mundwinkel zuckte. Wenn das jetzt dem Zeitgeist entsprach, so dachte ich, mache ich diese kleinen Albernheiten halt mit. Man möchte ja auch nicht ständig als intellektuelle Spaßbremse dastehen.

Aber jetzt ist Schluss mit lustig! Gestern gründete mein Bruder eine WhatsApp-Familiengruppe. Die nahe bis entfernte Verwandtschaft lebt verstreut in einem norddeutschen Streifen von etwa 200 Kilometern Breite. Daher war die Absicht meines Bruders sicher redlich: Die moderne Technik sollte dabei helfen, einander wenigstens digital näher zu rücken. Doch nicht nur, dass mein Smartphone fortan nahezu pausenlos bimmelte und brummte, ich musste auch Fotos ertragen mit Aufschriften wie: „Ja zur Massenbierhaltung!“ Und dann erst all die Emojis! Nehmen wir einmal diese gelbe Visage, die das eine Auge zukneift und dabei die Zunge herausstreckt: Ich persönlich sehe darin eine geistig verwirrte Person. Verziert beispielsweise meine Mutter einen Text mit eben diesem Gesicht, gerate ich in eine mental missliche Lage. Ich sehe sie dann mit einem zugekniffenem Auge am Küchentisch sitzen und gleichzeitig die Zunge so weit herausstrecken, wie es geht. Folgen noch ein nachdenkliches und ein küssendes Emoji, spielt mein Kopfkino verrückt.

Doch das ist nichts, gegen die Flut an grellen Gesichtsgefühlen, die in der neuen WhatsApp-Familiengruppe über mich kam. Onkel Hans und Tante Linda, offline respektable Persönlichkeiten, wirkten dank Emojis plötzlich irgendwie behandlungsbedürftig. Oma schrieb ständig „hallo?“ und Cousin Jens erzählte, die Regierung würde Drogen über seinem Dorf abwerfen.

Es war ein wirres Geschnatter und Gesichter-Verschicken von etlichen Seiten, bei dem eigentlich niemand mehr genau wusste, wer wer war und wer gerade mit wem sprach. Sie rissen die Augen auf und kniffen sie wieder zu, streckten einem die Zungen entgegen, wedelten mit den Händen und fletschten die Zähne, sie stöhnten und weinten und schrien hunderte Ausrufezeichen hinaus in die Weiten Norddeutschlands. Oder sie lachten so heftig, dass sie sich auf dem Boden wandten und schließlich in Lachtränenwasser zu ertrinken drohten. Ich wähnte mich in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt.

Nachdem ich noch kundtat, dass mir der Schokokuchen beim letzte Familientreffen in Brackel sehr gut geschmeckt hat, meldete ich mich schließlich aus der Gruppe ab. Auch, weil nunmehr noch der alte Zwist zwischen Vater Petersen und seinen Söhnen wieder hervorbrach, aus welchen Gründen auch immer. Bevor ich auf „Gruppe verlassen“ drückte, suchte ich noch nach einem kotzenden Emoji, das es aber nicht gab.

Also schrieb ich nur: „Nichts für ungut, man sieht sich. LG.“