Zarah_Begleitcast  ©Bantry Bay / ZDF

Ferien vom Leben

Montagmorgen habe ich in der FAZ eine Filmkritik gelesen. Es ging um das Fernsehspiel Ferien vom Leben mit Hannelore Elsner und Marie Bäumer. Da dem Kritiker der Film nicht ganz so gut gefallen hat, wurde ich neugierig. Er sprach von einem Filmszenario, das man ähnlich oft schon gesehen hätte. Und, dass der Film den Zuschauer kalt lassen würde. Die Chance auf einen behaglichen Fernsehvormittag war also groß, denn oft gefällt mir, was bei anderen unten durch fällt. Zumal Hannelore Elnser einen Regenschirmständer spielen könnte, und ich einschalten würde. Wäre ich eine Frau, wäre ich gerne Hannelore Elsner, die als patente Bäuerin Apfelkisten über den Hof trägt. Mit roten Lippen. Dann täte ich die Diele fegen und anschließend die Hühner füttern. Herrlich. Aber keine bange, ich bin gerne ein Mann. Fragen Sie Gerlinde von Lilienkron.

Ich nahm mir also den Vormittag frei, was nicht schwer war, und steuerte in der ZDF-Mediathek den Film mit der Hannelore an. 90 Minuten später hatte ich eine Kanne Tee (Wildapfel und Zimt) geleert und eine Packung Hafer-Cookies mit Zartbitterschokolade verspeist. Ich hatte einen klugen, kleinen Film gesehen. Mit exzellenten Darstellern, einem typischen Elsner-Hauptplot und 26 Nebenplots. Darunter eine Sohn-Ist-Schwul-Geschichte, eine Mutter-Will-Sich-Scheiden-Lassen-Story und ein persischer LKW-Fahrer, der den Sohn versteht und die Mutter küsst. Ich hatte Spaß und mir war ganz herbstgemütlich unter der Mikrofaserdecke. Ich schaltete um auf das lineare Fernsehen. Volle Kanne war längst vorbei. Dafür fand ich aber in der ARD-Mediathek die Dokumentation „Schluchtenwanderung im Südschwarzwald“. Später noch die RBB-Gartenzeit und ein Portrait über Lady Diana. Mein Tag war gemacht! Er endete mit den Tagesthemen und zwei großen Croque Vegidelle mit extra Knoblauch.

Mein Fernsehverhalten mag etwas trutschig wirken für einen so stattlichen Mann meines Alters, der für Coolness steht, wie kaum ein anderer. Aber ich habe viele Facetten und neige, wie gesagt, zu gegenläufigem Verhalten. Manchmal schaue ich mir alte Folgen der Schwarzwaldklinik auf YouTube an. Oder vierzig Mal hintereinander das Intro von „Die Pyramide“ mit Dieter Thomas Heck. Auf Netflix verfolge ich derzeit Stranger Things, Orphan Black und natürlich Atypical. Nur, dass Netflix einmal erwähnt sei. Ohne Netflix-Erwähnung gilt man heutzutage als Waldschrat.

Als ich Hannelore Elsner so spielen sah, dachte ich mir, wie gerne ich doch bei den Dreharbeiten dabei gewesen wäre. Allein schon wegen der zwei Staaten und vier Bundesländer, über die sich die Schauplätze verteilten. Einst wollte ich ja Schauspieler werden, um mal rauszukommen. Aus pathologischen Gründen bin ich um etwa sechseinhalb Meter introvertierter, als der Normalbürger. Und mein Hirn nimmt zu viele Reize auf. „Ich sehe was, was du nicht siehst“, ist mein zweiter Vorname. Das kommt nicht immer zum Tragen, aber wenn, dann ist richtig Jahrmarkt im Oberstübchen. Darum bin ich am liebsten zu Hause. Nur an Filmsets kann ich die Abenteuer erleben, in die ich mich im echten Leben oft nicht zu stürzen wage. Die Maskenbildnerinnen achten darauf, dass ich gut aussehe. Die Regie sagt mir, was ich spielen soll. Perfekt! Betreutes Aus-Sich-Herauskommen sozusagen. Ferien vom Leben. Außerdem gibt es noch so etwas wie Gagen, irgendwie muss ich mein Geld ja zusammenbekommen als brotloser Künstler. Bis ich versehentlich in diverse Kleindarsteller-Agenturen stolperte, habe ich anspruchsvolle Kurzfilme gedreht. Da hatte ich zwar viel größere Rollen, habe aber nur auf Rückstellung gearbeitet. Also quasi gratis. Für alle Formen der seriösen Kamera-Arbeit gilt: Ich kann dabei die unterschiedlichen Gesichter und Facetten hervorholen, die in mir wohnen. Wenn auch meist nur im Ansatz. Trotzdem ist Drehen fast immer eine echte Freude! Ob mich meine Mutti und die Nachbarn später tatsächlich auf dem Bildschirm erkennen, ist für mich nicht von Bedeutung. Jedenfalls nicht im Rahmen des Kleinakteur-Milieus, in dem ich mich meist bewege. Zu glauben, man wäre außerhalb der im Abspann Auftauchenden so etwas wie ein Schauspieler, ist eine komplette Illusion. Das habe ich inzwischen akzeptiert. Aber ich gestehe auch, dass ich am Set oft das Gefühl habe, am falschen Ufer zu sein. Nämlich dann, wenn ich in einem stickigen Bus voller brabbelnder Komparsen sitze, die zu 90 Prozent keinen künstlerischen Hintergrund haben. Ist ja okay, sollen sie alle ihren Spaß haben. Aber ich bin keine zwanzig mehr, ich brauche in den Wartezeiten einen bequemen Sessel in einem schallisolierten Raum. Mit Hauspantoffeln, Obstschüssel und Minibar. Aber dafür ist es jetzt vermutlich zu spät.

Gestern habe ich mir im Kino übrigens Magical Mystery angeschaut. Wieder ein Roadmovie, ich liebe Roadmovies! Und abermals dachte ich: „Wäre ich doch nur dabei gewesen!“ Doch Moment mal … Ich war ja dabei! In der turbulenten Szene begrüße ich als Rezeptionist in einem Hotel Charly Hübner alias Karl Schmidt. Ich sehe umwerfend aus, war ich damals schlanker? Egal. 2017 potenzieren sich meine ausgestrahlten Auftritte ins vergleichsweise Unermessliche. Auch bei Simpel mit David Kross war ich dabei (ab neunten November im Kino). Außerdem in Die Kanzlei, bei Notruf Hafenkante, im Polizeiruf Rostock und als tollpatschiger Bahnsteward im ARD-Film Kuddelmuddel mit Axel Prahl und Jonas Nay. In der neuen Serie Bad Cop hatte ich eine kleine Sprechrolle. Ein bisschen Werbung kam noch dazu. Ein volles Jahr, zweifelsohne. Den meisten Engagements ging sogar ein ordentliches Vorsprechen voraus. Das war eine Handvoll Balsam auf meine nach Professionalität und Ernsthaftigkeit dürstende Künstlerseele.

Und dann war da natürlich noch Zarah! Fast das gesamte Frühjahr verbrachte ich an meinem Fernsehschreibtisch in der Relevant-Redaktion im Hamburg der Siebziger Jahre. Schon in den echten Neunzigern hing ich an Fernsehsets herum. Sei es als Praktikant oder als Bruder des Kulissenbauers. Später kam die Independent-Shortfilm-Periode. Und schließlich habe ich seit 2009 rund 800 Anwesenheitsstunden bei Serien und beim Spielfilm eingesammelt. Doch Zarah war etwas Besonderes! Ich war so froh über das gewonnene Vorsprechen, denn ich hatte eigentlich (wieder einmal) das Gefühl, dass ich es dank dreier Blackouts verpatzt hätte. Doch die Zusage kam und ich durfte mich in Dieter Thomas Kuhn verwandeln! Im Laufe der drei Drehmonate ist mir der Zarah-Hauptcast dick ans Herz gewachsen. Die Kostüm- und Maskenleute, die Techniker, die Regieführenden und die Komparsenkollegen konnte ich sowieso gut leiden. Die Abschlussfeier im Bunker am Heiligengeistfeld wurde zu einer meiner persönlichen Jahres-Höhepunkte. Nicht wegen Gedöns und Freibier, ich habe nur Cola getrunken und mich vor keine Fotografen geworfen, sondern weil ich endlich wieder tanzen konnte. Bis ich schweißnass gebadet war! Ich tanzte wild, im Quadrat und an der Decke. Das ging, weil ich mich sicher fühlte und glücklich war.

Liebe Leserinnen, werte Leser: Gucken Sie sich Magical Mystery in einem Lichtspielhaus Ihrer Wahl an, der Film ist zum Schreien komisch! Schalten Sie ab 21. September Bad Cop ein. Läuft zwar auf RTL, aber könnte sich zu einem Geheimtipp entwickeln. Und ganz wichtig: Gönnen Sie sich Zarah – Wilde Jahre im guten alten ZDF! Immer Donnerstags um 21 Uhr. Sie werden eine fulminante Zeitreise erleben, 25 gut aussehende Verlagsangestellte und allerhand Rambazamba zwischen Männern und Frauen. Sollten alle sechs Folgen bereits versendet sein, haben Sie meinen Aufsatz zu spät gelesen. Schaffen Sie sich dann bitte einen Mediathek-Zugang an, Sie enden sonst als Waldschrat.

Wie der gesamte Begleitcast, habe ich von den Hauptdarstellern aus Zarah – Wilde Jahre eine Flasche Champagner geschenkt bekommen. Zusätzlich zur Gage, wohlgemerkt. Ich konnte es damals nicht so zeigen, aber ich war wirklich gerührt. Danke Euch für diese Geste! Ich werde die Buddel bis zum Silvestertag aufbewahren, dann runter an die Elbe gehen und den Korken knallen lassen! Um Punkt zwölf mit einer Tröte im Mundwinkel. Das Feuerwerk wird uns gehören. Venga Toro!